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Tag 1) 16.06. Kiel

Auf der Autobahn ging uns der Sprit aus.

Kurz nach Mitternacht setzte sich das Mercedes-Wohnmobil in Bewegung und verließ unter dem Beifall der anwesenden Gäste sowie mit den Klängen von Ultravox´ „Hymn“ den Gewerbehof am S-Bahnhof Südkreuz. Es waren vielleicht fünf Minuten vergangen als wir anhielten, um die Lautsprecher vom Dach des Autos zu entfernen – und eine mysteriöse Pannenserie nahm ihren Lauf: Das Dachgestell für die Gepäckbehälter war aus der Verankerung gebrochen, daher mußten wir die beiden riesigen roten Kisten (samt Aktionsrequisiten, 300 Videobändern und dem restlichen Kram) erst einmal im Wohnraum stapeln – vorbei war es mit der Gemütlichkeit. Als wäre das noch nicht genug, tropfte es durch das nunmehr undicht gewordene Dach dank Sturmregens und orkanartiger Böen unaufhörlich hinein.
Gegen 2 Uhr nachts fuhren wir an eine Tankstelle (immer noch in Berlin), um Diesel nachzufüllen, jedoch ging der Tankdeckel nicht auf, denn die hierfür erforderliche Rohrzange war nicht mehr zu finden. Wir riefen den ADAC an, der 70 Minuten(!) später eintraf, als wir bereits längst eine andere Lösung für das Problem gefunden hatten. Erst gegen 4 Uhr fanden wir – 50 Meter hinter der Stadtgrenze – einen Rasthof, an dem wir unseren wohlverdienten Schlaf nachholen konnten.
Aber das Schicksal prüfte uns weiterhin, nachdem die Fahrt am späten Morgen weiterging: Nach einem Einkauf in Wittstock blieb unser Wagen mitten auf der A21, kurz vor Kiel, plötzlich stehen – die Tankanzeige war defekt, so daß sich der Tank unbemerkt leeren konnte. Es war ca. 17 Uhr. Wir standen zwischen Autobahn und Autobahnauffahrt (von Segeberg) und die Autos rasten mit 120 km/h knapp an uns vorbei. Wieder klingelten wir beim ADAC durch. 30 Minuten später erschien unverhofft ein Polizeiwagen und die beiden Beamten schoben mit uns gemeinsam den Mercedes die Auffahrt herunter. Der ADAC kam, als die Polizei abfuhr und schleppte uns zur nächsten Tankstelle. Dort jedoch war zu allem Überfluss noch die gesamte Zapfsäulenelektronik ausgefallen, und erst in Bad Segeberg konnten wir an einer anderen Tankstelle Diesel nachfülen und die Fahrt bis nach Kiel hinein fortsetzen. Wie sagte der „gelbe Engel“ vom ADAC doch so schön: „Ihr wollt doch was erleben, oder?“ Nun denn…

Tag 2) 17.06. Kiel

JaMbS & Wogs auf der Kieler Woche.

Molfsee bei Kiel ist ja als Stellplatz für „Tobi“, unser TOurmoBIl, durchaus ganz idyllisch, aber dann gab uns ein netter Herr vor Ort den hilfreichen Tip, eine Parkangelegenheit direkt an der Partymeile der Kieler Woche, der alljährlichen Segelregattakirmes, wahrzunehmen. So zogen wir spontan um und hatten nun die Gelegenheit, die Feierlichkeiten direkt vor der Tür erleben und aufsuchen zu können. Ein bisschen spaßiger Jahrmarkt hier, ein bisschen schnöder Biergarten dort und dazwischen wurden die Jollen und Dreimaster bestaunt. Für uns war nichts Mitreißendes dabei, deshalb gab es eigentlich auch keinen Grund, einen Großteil des sonntäglichen Nachmittages nicht im Bus zu verschlafen.
Am Abend jedoch wurden wir von einem Notizbuch unseres Kameramannes Konstantin überrascht, das er uns vor seinem nächtlichen Verschwinden hinterließ. Nach dem Lesen war uns sofort klar, dass die nächste Krise auf uns wartete…

Tag 3) 18.06. Kiel

Dank UMTS Flatrate können JaMbS & Wogs überall drahtlos ins Internet.

In 12 Punkten kritisierte unser Kameramann die noch nicht beseitigten Mängel am Tourmobil, die Art des Dienstverhältnisses, die Fragen der sanitären Versorgung und einiges anderes. Als wir am nächsten Morgen um 10 Uhr mit Konstantin am Kai zusammentrafen und über die Situation sprachen, war ziemlich schnell offensichtlich, dass die Fronten verhärtet waren und wir die Tour nicht mehr gemeinsam fortsetzen würden – nach gerade einmal 58 Stunden war unser Kameramann wieder auf dem Weg zurück nach Berlin.
Die kr07 ging trotzdem weiter und als nächstes suchten wir in Kiel einen Baumarkt auf, um die eh lange im voraus geplanten Reparaturen an unserem Tourmobil anzugehen. Dem kurzen Abstecher zum IKEA-Restaurant (ein Geheimtip!) folgte schließlich die intensive Auseinandersetzung über die erste Performance auf unserer Tour. Hierbei sollte vor allem Kiel als ein Zentrum der Novemberrevolution 1918 betrachtet werden. Dafür brauchten wir noch 300 Luftballons…

Tag 4) 19.06. Kiel

Für unsere erste Aktion brauchen wir 40l Heliumgas.

300 Luftballons, 300 Aufkleber und Heliumgas, mit dem wir die Ballons schnell und unkompliziert aufblasen könnten – das waren die Aktionsrequisiten für unsere erste Performance, welche am nächsten Nachmittag an der Kaipromenade inmitten der Kieler Woche-Festivitäten stattfinden sollte. Wie gut, dass a) Kiel nicht groß ist und b) der nächste Gasfabrikant gleich um die Ecke war. Wir fuhren also zu ihm und bestellten für den nächsten Tag eine 40l-Heliumgasflasche – ungefähr zwei Drittel so schwer und exakt so groß wie Wogs, ein echt sperriges Ungetüm.
Nach soviel Mühsal war der als nächstes anstehende Besuch eines Kieler Freibades nicht nur eine hygienische Erholung. Und auch das Dach wurde endlich repariert, so dass diese beiden furchtbaren nervigen platzraubenden Bauhaus-Kisten wieder aus dem Wageninneren entfernt werden konnten. Was für ein Segen im Sinne der Gemütlichkeit!
Noch am gleichen Abend traf unsere Ersatz-Kamerafrau Sabine ein, welche wir als Ersatz für Konstantin aus Berlin haben einreisen lassen. Ein letztes Mal betrachteten wir das abendliche Lichtermeer der „Kieler Woche“…

Tag 5) 20.06. Kiel

JaMbS & Wogs bei der Aktion "Kieler Punkte".

Nervige Lachmöwen, betrunkener Pöbel und Lautsprecherdurchsagen von Animateuren rund um die Uhr – Wir hatten keine Lust mehr auf die Kieler Woche. Aber es half nichts: Schließlich waren wir nicht zum Vergnügen hier, sondern um den ersten von insgesamt 16 künstlerischen Eingriffen durchzuführen. Hierfür mußte noch viel vorbereitet werden. Die Gasflasche mit Helium wurde gegen 11 Uhr auf den Parkplatz, wo unser Tourbus stand, geliefert. JaMbS machte sich mit dem Ventil vertraut und testete das Aufblasen der Luftballons, während Wogs aus einer alten Keksdose den Regenschutz für die Dachkamera baute. Anschließend recherchierten wir die aktuellen Forderungen des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Dann mußte unser neu erworbener Drucker zeigen, was er kann: 300 Aufkleber im Postkartenformat jagten wir innerhalb einer halben Stunde durch das Gerät. Gegen 15:30 Uhr war alles für die Aktion „Kieler Punkte“ vorbereitet. Erschöpft und durchnässt kehrten wir nach der Aktion zurück in unser mobiles Wohnzimmer. Und das gleichmäßige Hämmern dumpfer Basslaute von der Partymeile begleitete uns in den wohlverdienten Schlaf.

Bloß weg von hier…

Tag 6) 21.06. Hamburg

Unsere Unterkunft südlich des Hafens.

Gegen halb 9 Uhr morgens wurde die Heliumgasflasche wieder abgeholt – und wir konnten endlich nach Hamburg aufbrechen. Die roten Kisten auf dem Dach hielten zu unserer Erleichterung auch bei Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h und gegen 14 Uhr erreichten wir Hamburg-Wilhelmsburg, südlich von Elbe und Alster. Hier, in einem der Industrieviertel der Stadt, konnten wir uns dank des HospitalityClub-Netzwerkes die sanitäre Versorgung für die nächsten Tage sichern. Den Nachmittag nutzten wir dafür, Besorgungen zu machen: eine Jeans und zwei T-Shirts für den JaMbS, eine Sporthose für den Wogs (der einst erwähnte, er wolle während der Tour täglich joggen gehen???) und Ausrüstung für die kommenden Präsentationsabende.
Am Abend bekamen wir noch Besuch von einem der 23 Bewohner jenes Hauses, vor dem wir unseren Tourbus abgestellt hatten, und dann war auch schon wieder ein neuer Zeitplan für den nächsten Tag notwendig. Darin war unter anderem die Abholung eines ungewöhnlichen, 25 kg schweren Aktionsrequisits vorgesehen…

Tag 7) 22.06. Hamburg

Blick vom Berliner Tor.

Einen Meter lang und einen halben Meter breit, das sind die Maße der schweren Schatzkiste, die wir am Vormittag bei einem Goldschmied abholten. Sie paßte nicht durch die Türen des Tourbusses, also schnallten wir sie kurzerhand aufs Dach. Wir würden sie für die Performance in der Freien und Hansestadt Hamburg brauchen, doch dazu später mehr.
Am Nachmittag zogen wir wieder in die Stadt. Diesmal, um spontan einen Ort für den Präsentationsabend zu suchen, der noch am kommenden Wochenende stattfinden sollte. Wir fragten bei allen Galerien in der Admiralitätsstraße nach – ohne Erfolg. Anschließend versuchten wir es im Schanzenviertel, doch es war nicht leicht, etwas zu finden. Ein Ladenbesitzer erklärte uns ziemlich direkt, die Gäste sollten sich gar nicht so lange in dem Bistro aufhalten, sondern rasch teuer konsumieren um dann möglichst bald Platz für neue Konsumenten zu machen. Auch das autonome Kulturzentrum „Rote Flora“ half uns nicht direkt weiter; ein solcher Filmabend müsse zwei Monate im voraus angemeldet werden. Vielleicht auch nur eine Ausrede, weil man unsere teuren Anzüge nicht mochte. Doch wir gaben nicht auf, fragten weiter und hielten bis Mitternacht eine handvoll Telefonnummern in der Hand…

Tag 8) 23.06. Hamburg

Die Hafenfähren verbinden Hamburg.

So langsam hatten wir uns in unserer neuen Umgebung eingelebt: Wir kannten den Weg zum Bäcker, wußten wie die Buslinien fahren und mit welchen Bewohnern des Hamburger Stadtteils Wilhelmsburg man sich lieber nicht anlegt. Das Wochenende stand vor der Tür – und uns ein langer Arbeitstag bevor. Wir teilten uns auf, um die bevorstehende Aktion ökonomisch vorzubereiten. Wogs fuhr in die Innenstadt, um eine geeignete Fährstrecke auszukundschaften. Auf der Linie 62 fragte ihn ein pensionierter Lufthansamitarbeiter, ob er zum Urlaub in Hamburg sei. Als Wogs dies verneinte und bekanntgab, er sei Künstler und müsse hier arbeiten, begann eine lange Diskussion zwischen den beiden über den Wert von (Erwerbs-)arbeit, welche der ältere Herr mit den Worten: „Also, nichts gegen Künstler, ABER…“, begann. JaMbS war währenddessen beim Tourbus geblieben und recherchierte Informationen zu den neuen Beitrittsländern der EU. Leider schließen in der Hansestadt die Geschäfte – aus der Sicht eines Berliners relativ früh, so daß wir eine Reihe weiterer Besorgungen auf den folgenden Montag verschieben mußten…

Tag 9) 24.06. Hamburg

Das Fährstraßenfest im Stadtteil Wilhelmsburg.

Sonntag in Hamburg Wilhelmsburg – einfach mal ausschlafen. Auch für Aktionskünstler mit 168-Stunden-Woche ist hin und wieder ein bisschen Ruhe und Entspannung angesagt: Das Frühstück etwas ausführlicher genießen, sich mit den Passanten in der Fährstrasse etwas ausführlicher unterhalten („hey, Revolutionen sind laut Reichsannahmegesetz verboten!“), die Feierlichkeiten zum Fährstrassenfest aus sicherer Distanz betrachten und nicht zuletzt die schmutzige Wäsche einer gründlichen Reinigung unterziehen. So gestaltete sich der Sonntag fast zu einem langweiligen Wochenabschluss, wenn nicht doch wieder Vorbereitungen zu der Hamburger Performance getroffen werden müssten. Diesmal reiste JaMbS in die Universitäts- und Staatsbibliothek, um Nachforschungen über die Europäische Union und deren Mitgliedsstaaten zu machen, der Wogs durchblätterte indes das gesamte Internet nach nützlichen Informationen. Bei der Aktion sollten Verknüpfungen zwischen dem Wirtschaftsbündnis des Mittelalters, der Hanse, und der Neuzeit, der EU, geknüpft werden. Tja, und nachdem wir das weitgehend erledigt hatten, blieb eigentlich nur wieder der Sonntag übrig. Fast etwas langweilig…

Tag 10) 25.06. Hamburg

JaMbS beim Vorbereiten unserer Hamburger Aktion.

Eine Performancevorbereitung auf der kr07 nahm dann doch mehr Zeit in Anspruch, als wir selber bisher annahmen – jeder Weg in die Hamburger Innenstadt fand nicht zum Nutzen touristischer Besichtigungsspaziergänge statt, sondern bedeutete z.B. einen Besuch bei der Post (für Verpackungsmaterial), einer Bank (für 600 1-Cent-Münzen) und einem „Alles-für-Sammler“-Geschäft“. Hier verkaufte man dem JaMbS auf Mission für wichtige Performancerequisiten original litauische, lettische, schwedische und deutsche Münzen für einen ziemlich unverschämten Preis, und nur mühsam konnte er sich der weiteren Knaller-Angebote des Händlers erwehren, der seine Münzsammlung aus Ungarn, Rumänien, Bulgarien und Slowakei auch noch loswerden wollte. Wogs brachte abschließend Fotographien von sechs ehemaligen Hanse-Städten in die Zentrale, womit wir sämtliches Material zusammengetragen hatten.
Am Abend fand die Sneak-Preview unseres Best-Of-Films statt – in der Hamburg-Wilhelmsburger Wohngemeinschaft, vor der wir unseren Bus geparkt hatten. Die Resonanz auf das Werk lieferte uns einen guten Hinweis darauf, was uns am Freitag abend im Schweriner Schleswig-Holstein-Haus erwarten könnte…

Tag 11) 26.06. Hamburg

Diese Aktionsrequisiten kamen heute nicht zum Einsatz.

„Was für ein Scheißtag!“, dachte Wogs heute unzählige Male. Und manchmal sprach er es auch aus. Und in der Tat lief heute nichts so, wie es sollte. Der strömende Dauerregen, der uns als Konstante durch den ganzen Tag begleitete und durchnäßte, war noch das harmloseste. Die Beifahrertür des Tourbusses ließ sich nicht mehr schließen und zehrte damit an unseren Nerven; da hatte die Werkstatt von Daimler wohl geschlafen. Es war uns nicht gelungen, in Hamburg jemanden zu mobilisieren, der die für heute angesetzte Aktion dokumentieren könnte, also ließen wir unsere schon in Kiel bewährte Kamerafrau Sabine einen Tag früher als geplant einfliegen. Immerhin hatten wir rechtzeitig alles für die Aktion vorbereiten können. Wir fuhren mit Kamerafrau und der großen Kiste in die Speicherstadt, von wo aus unsere Fähre (der Aktionsort) ablegen sollte. Während der Fahrt stellte sich zu unserer Überraschung heraus, daß zu wenige Passagiere an Board waren, um die Aktion sinnvoll durchführen zu können. Also machten wir kehrt und beschlossen, die geplante Aktion zu verschieben. Frustriert, durchnäßt und die Schnauze voll von Hamburg brachen wir am Abend in Richtung Stettin auf…

Tag 12) 27.06. Szczecin

Auf dem Parkplatz in Parchim.

„Hannibal, Caesar, Napoleon, Graf von Moltke“ – in jener Liste der „größten Feldherren der Geschichte“ auf dem Werbeflyer der Stadt Parchim (Mecklenburg-Vorpommern) mutet der letztgenannte preußische Generalfeldmarschall aus der Zeit der Französischen Revolution schon ein wenig exotisch an. Doch Parchim ist nun mal nicht nur stolz auf seine Bundeswehrkaserne und auf den riesigen Stellplatz, den wir für eine Nacht „genießen“ durften, sondern halt auch auf den berühmten Sohn der Stadt. Aber davon nahmen wir nicht wirklich viel Notiz, denn noch am Morgen setzten wir unsere Fahrt nach Polen fort. Für unsere Aktion in Schwerin war ein Besuch des östlichen Nachbarlandes unerlässlich, schließlich galt es polnische Waren von deutschen Herstellern einzukaufen und nach Schwerin mitzubringen. Und so tuckerten wir über die teils maroden Landstrassen MV´s und Brandenburgs (mit so klangvollen Ortsnamen wie Waren, Rom und Plau am See) über die Grenze bis nach Szczecin, wo wir am selben Abend auf dem Campingplatz „Marina“ eintrafen. Ob sich die lange Fahrt gelohnt hat, werden wir erst morgen wissen…

Tag 13) 28.06. Szczecin

Viel Verkehr in der Stettiner Innenstadt.

Die Fahrt hatte sich gelohnt! Nicht nur die Deutsche Bank und die Raiffeisen Bank haben sich mittlerweile in Polen niedergelassen, auch die Drogerieketten Rossmann und Schlecker, sowie der Elektrodiscounter Mediamarkt und der Fachmarkt real sind auf den polnischen Markt gedrängt – um nur einige zu nennen. Nach einem Großeinkauf hatten wir drei Tüten mit den gesuchten „Kolonialwaren“ gefüllt und traten die Fahrt nach Schwerin an, durch die mecklenburg-vorpommersche GPRS-Wüste an Dörfern ohne Kanalisation und asphaltierte Straßen vorbei…

Tag 14) 29.06. Schwerin

Ja, wo bleiben sie denn?

Heute sollte unser erster Präsentationsabend stattfinden. Eingeladen hatte uns das Schleswig-Holstein-Haus, ein Kulturzentrum der Stadt Schwerin. Als wir das den für die Präsentation zugewiesenen Saal betraten, stellten wir zufrieden fest, daß die gesamte Vorführtechnik bereits aufgebaut war. Für die Veranstaltung hatte das Haus selbst geworben und in der Schweriner Volkszeitung war eine ausführliche Ankündigung abgedruckt. Trotzdem war die Anzahl der Zuschauer, die sich gegen 18 Uhr versammelt hatten, eher übersichtlich. Genaugenommen sehr übersichtlich. Dafür befanden sich zwei Journalisten unter den Gästen. Sie machten sich Notizen, schossen Fotos und stellten Zwischenfragen. Ob dann letztendlich eine Rezension über den Abend in der Zeitung abgedruckt wird, werden wir in den nächsten Tagen sehen…

Tag 15) 30.06. Schwerin

Das Märchenschloß und Wahrzeichen von Schwerin.

Warum Schwerin die richtige Stadt ist, um ein Buch zu schreiben: Die Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern strahlt eine tiefe Stille aus. Die restaurierte Altstadt, das wunderschöne Märchenschloß und die Wege entlang der zahlreichen Seen laden zu längeren Spaziergängen ein. Guten Kuchen bekommt man am Marktplatz, allerdings sollte man im Cafe Röntgen nicht länger als zehn Minuten auf die miesepetrige Bedienung warten. Einzigartig in der Blumenstadt ist, daß man am Samstagabend eine ganze Bar für sich alleine haben kann; hier gibt es keine hippen Studenten, die sich über Studiengebühren und Seminararbeiten beschweren. Kein Wunder, denn Schwerin ist die einzige Landeshauptstadt in Deutschland, die keine Universität besitzt. Einziger Wermutstropfen für angehende Schriftsteller: Die Lounges haben weder Stromanschluß noch W-LAN fürs Notebook. Und morgen machen wir hier unsere Performance…

Tag 16) 01.07. Schwerin

Im Auge des Hurrikans vor Bremen.

Endlich mal ein Tankdeckel, den man ohne Zange öffnen und ohne Hammer wieder schließen kann! Nachdem Wogs den alten Deckel (unabsichtlich?) auf der Tankstelle in Polen entsorgt hatte, fand sich heute ein mehr als adäquater Ersatz auf unserem Weg nach Bremen. Apropos Fahrt nach Bremen: Gegen 22 Uhr fuhren wir mitten durch eine Gewitterfront. Dunkle Wolken verdeckten das Restlicht des Tages, Blitze loderten am Horizont auf und der Donner wurde unser ständiger Begleiter. Die Fahrbahn glich eher einem Kanal denn einer Autobahn, Aquaplaning at its best. Wogs reduzierte die Geschwindigkeit auf 50 km/h und wunderte sich darüber, daß niemand den Tourbus überholte. Ein ungewohntes Gefühl, wenn man sonst der langsamste Verkehrsteilnehmer auf der Autobahn ist. Zu guter Letzt trafen wir wohlbehalten auf einer Autobahnraststätte vor Bremen ein, wo wir die Nacht verbrachten…

Tag 17) 02.07. Bremen

In der Universität Bremen.

Am Morgen fuhren wir in die Stadt hinein, kauften Motoröl für den Tourbus und stellten uns zunächst auf den Parkplatz vor der Universität, ganz im Norden Bremens. Auch hier war der Muff von tausend Jahren noch deutlich zu riechen, denn das Foyer sah aus, wie man die Unis um 1968 kannte: Müßige Studenten, die faul auf den Treppen herumlungerten oder am Infostand saßen und ihre Kommilitonen bekehren wollen. Dazu passend war der ganze Saal mit Transparenten ausstaffiert, welche die Abschaffung von Klausuren und Anwesenheitspflicht forderten. Sofort war klar: hier mußte ein frischer Wind wehen! Also nutzen wir die Gelegenheit, um wenigstens einer dieser armseligen Existenzen eine sinnvolle Beschäftigung anbieten zu können: Wir schrieben einen Job als Kameramann bei uns aus. Mit dem vosintflutigen Münzkopierer in der Bibliothek druckten wir 50 kleine Plakate und brachten sie gut sichtbar in den verschiedenen Gebäuden an. Noch an diesem Abend meldete sich der erste Interessent…

Tag 18) 03.07. Bremen

Stromausfall im Tourbus.

Mittags gegen 12:38 Uhr: „Du, Wogs, das Handyakku lädt nicht. Ist denn der Stromwandler eingeschaltet?“ „Hm, bei mir lädt auch nix, ich schau mal nach… Anscheinend nicht… Oh.“ „Was denn, Wogs?“ „Oh.“ „Was ist denn nu?“ „Die Lampe der Batterie leuchtet nicht mehr.“ „Das ist schlecht.“ „Das ist sehr schlecht. Nicht mal mehr das Licht kann man einschalten.“ „Das heißt, wir haben keinen Strom.“ „Und das heißt, wir müssen zur Werkstatt.“ „Schade.“ „Sehr schade.“ „Scheiße!“ Ob dazu der Keilriemen der Lichtmaschine ausgetauscht werden müsste oder das Gewitter von zuletzt (siehe 1. Juli) unserem Tourbus doch mehr zugesetzt haben könnte als bisher vermutet, wird den morgigen Werkstattbesuch bei der Bremer Mercedes-Niederlassung und eine entsprechend unappetitliche Rechnung später abgewartet werden müssen. Immerhin: Die Vorbereitung für unsere Aktion in Bremen verläuft bislang problemlos: Das Rolandslied ist bestellt und ganz viel Strassenkreide besorgt. Könnten wir ja eigentlich schon mal neue Manifeste zum Verteilen drucken. Achso. Nee. Der Strom…

Tag 19) 04.07. Bremen

Im Künstlerhaus: Vorsicht Kunst!

Wir standen also um halb Sieben auf und fuhren zur Mercedes-Niederlassung in Bremen-Nord. Nach dreistündigem Warten, war der Keilriemen ausgetauscht und wir um das Essensgeld einer ganzen Woche ärmer. Strom gab es immer noch nicht, doch das konnte auch daran liegen, daß die Batterie vollständig leer war. Ob die Reparatur was genützt hat, werden wir also erst nach der nächsten Autobahnfahrt wissen. Um arbeiten zu können, suchten wir unsere Gastgeberin vom hospitality-Netzwerk auf. In ihrer Küche konnten wir das Notebook und die Handys aufladen. Jetzt begann eine Telefonwelle: Galerien in Hannover, das Gefängnis Stuttgart-Stammheim und eine Vermietung für Leichenwagen in Berlin standen unter anderem auf der Liste. Nach einer kurzen Biopause mit Duschen und Essen machten wir uns auf zum ehemaligen Güterbahnhof. Dort sollte ein Künstlerhaus mit Ateliers und Galerien im Entstehen begriffen sein. Nach langem Verlaufen, Suchen und Fragen fanden wir die Location endlich. Doch leider war niemand vor Ort, der für die Abhaltung eines Präsentationsabends zuständig gewesen wäre. Da blieb uns nur, die Telefonnummern zu notieren und eine zweite Telefonwelle zu starten…

Tag 20) 05.07. Bremen

Im Waschsalon.

Wenn man wochenlang seine frische Wäsche nur aus der Tüte bezieht, kommt irgendwann einmal der Punkt, an dem man nichts mehr zum Anziehen hat. Also gingen wir nach dem Frühstück in den Waschalon. Wäsche sortiert, Maschinen gefüllt und Waschpulver besorgt – nach 37 Minuten sollte die Wäsche fertig sein. War sie aber nicht. Denn die Waschmaschine blieb im Programmnirvana hängen. Wir riefen den Service und um es kurz zu machen: drei Stunden später hatten wir endlich wieder frische Wäsche.
Auch der Kopierladen um die Ecke hatte heute seine Schwierigkeiten mit der Technik und sah sich außerstande, unser Manifest zu drucken. Am Nachmittag kundschafteten wir die Route zur geplanten Aktion in der Altstadt aus und verschnauften anschließend kurz beim Bremer Roland. Nach weiteren Besorgungen verbrachten wir die Abenddämmerung am Weserufer…

Tag 21) 06.07. Bremen

Theater im Postamt.

Bremen-Viertel, Horner Strasse. Wir hätten uns in dieser Stadt tatsächlich keinen besseren Park- und Übernachtungsplatz auswählen können. Friedlich, entspannt und inmitten von Bürgern mit gutem Einkommen und hübschen Töchtern ließ es sich gut aushalten.
Für uns waren weitere Telefonate angesagt; noch immer haben wir nicht in jeder Stadt Orte für Präsentationsabende gefunden und so besuchten wir eine weitere Adresse in Bremen, die sich hierfür optional anbieten würde: das Postamt unweit des Hauptbahnhofs. Das Gebäude stand zum größten Teil leer und wurde bis zur Räumung für den nächsten evangelischen Kirchentag für diverse künstlerische Projekte zwischengenutzt. Der Weg durch einen Seiteneingang des Gebäudes führte uns ins Stockwerk des ehemaligen Zustellerabfertigungscenters, wo wir auf die kümmerlichen Überreste eines Bandprobenraums samt Band stießen. Die jungen Musiker verwiesen uns auf einen weiteren Eingang, welchen wir daraufhin betraten. In der 3. Etage störten wir dann eine Theatergruppe inmitten ihrer Vorbereitungen für die Uraufführung von Kandinskys „Der gelbe Klang“. Das Stück, das wir uns bei der Gelegenheit anschauten, dauerte etwa 20 Minuten, weitere 10 Minuten der anschließende Kurzfilm.
Ganz schön kurz, fanden wir. Und so blieb uns nichts anderes übrig, als uns mit frischen Klamotten und Danish Lager Beer ins Bremer Partyleben zu stürzen. Es war der letzte Abend vor einer gewagten Performance, die wir am nächsten Tag in der Innenstadt durchführen wollten…

Tag 22) 07.07. Bremen

Während der Aktion "Rolandsgrenze".

Regen. So weit wir uns erinnern können, haben wir seit unserem Start am 16. Juni keinen Tag erlebt, an dem es nicht mindestens einmal geregnet hätte. Generell ist Niederschlag ungünstig für Kunst im öffentlichen Raum. Das Problem besteht weniger darin, daß wir und die Kameraleute stundenlang in durchnäßten Klamotten arbeiten müssen, als vielmehr darin, daß Aktionen wie die für heute angesetzte, bei Regen schlichtweg nicht durchführbar sind.
Nachdem wir unsere Zeit in Bremen dafür genutzt hatten, die Aktion „Rolandsgrenze“ vorzubereiten, saßen wir heute Vormittag mit gemischten Gefühlen unter der Markise vom nächsten Bäcker und schickten Stoßgebete in Richtung des dunklen Himmels. Mit unserer Kamerafrau Birte waren wir 15 Uhr am Marktplatz verabredet; also mußten wir uns um halb Zwei entscheiden, ob wir die Aktion trotz unbeständigen Wetters wagen wollten. Wir riskierten es und hatten Glück: kaum hatten wir die Aktion vor dem Bremer Roland begonnen, blieb es bis zum erfolgreichen Ende gegen 22:30 Uhr trocken…

Tag 23) 08.07. Mainz

Ankunft in Mainz.

Die Strecke von Bremen nach Mainz, Protokoll: 14 Uhr Abfahrt Horner Strasse, rechts eingebogen in die Bismarckstrasse, nach einigen Metern wieder rechts in die Bennigsenstrasse. Von der Habenhauser Brückenstrasse auf den Autobahnzubringer Arsten und anschließend auf die A1. Nach ca. 3 km Autobahnrasthof angefahren und 42 l Diesel getankt. Ölstand und Kaffee zum Mitnehmen in Ordnung. A1 bis zum Westhofener Kreuz, auf dem Weg einen PKW mit Wohnanhänger überholt(!). Anschließend A45 bis Haiger. 20:25 Uhr, weiter auf der B54 bis Limburg-Nord. Mist: Westerwald, gebirgig, 5 Prozent Steigung im 2. Gang. In Rennerod Umleitung wegen Bauarbeiten, dann Kuh auf der Fahrbahn umkurvt. Weiter auf die A3. Erneut Rasthof angefahren, festgestellt, dass Tank komplett leer und Ölstand zu niedrig war. Diesel, Öl und Kaffee nachgefüllt. Von der A3 auf die A66, Ausfahrt Wiesbaden-Erbenheim, über die Theodor-Heuss-Brücke von Wiesbaden nach Mainz, nach der Grossen Bleiche in die Salvatorstrasse und Parkmöglichkeit am Stiftswingert um 22:35 Uhr angefahren. Genug für heute.

Tag 24) 09.07. Mainz

Windows kaputt.

Bluescreens. Das sind die gefürchteten Bildschirme mit Fehlermeldungen, die erscheinen, wenn Windows abstürzt. Ärgerlich sowas, besonders dann, wenn man es eilig hat. Nachdem schon ein paar Tage zuvor Photoshop auf unserem Notebook in den Streik getreten war, folgte ihm heute die Software von unserem Funkmodem; damit waren wir vom der Welt des Internets abgeschnitten. Eine Katastrophe auf der Stärke 8 (von 10) auf der JaWoskala. Leider versagte die Systemwiederherstellung von Windows, die eigentlich zur Behebung solcher Pannen zuständig ist und auch das Überinstallieren brachte keine Besserung. Da half nur eines: Das komplette Neuaufsetzen des Betriebssystems mitsamt aller Programme. Das dauerte – und zwar den ganzen Tag.
Aber zum Abend hin gab es noch einen positiven Ausklang: Wir entwickelten die Idee für unsere Aktion in Mainz…

Tag 25) 10.07. Mainz

Das römische Theater am Südbahnhof.

Heute stand viel unwiderstehliche Büroarbeit auf dem Tagesordnungspunkt. Das hat nur Nachteile: Man bewegt sich wenig, hat kaum Erfolgserlebnisse und mit Sex, Drugs & Rock´n´Roll ist auch erst einmal Essig. Dafür lohnt sich aber bei Gelegenheit ein Spaziergang durch die Mainzer Altstadt. Ein bisschen Romanik hier (Dom), ein Stückchen Renaissance dort (Kurfürstliches Schloss). Aber das absolute Highlight ist seit einiger Zeit das Theatrum Mogontiacensum, ein ausgegrabenes Mini-Kolosseum, das am ehemaligen Südbahnhof liegt. Die Haltestelle heißt jetzt Römisches Theater und seit 1999 wird dieses von fleißigen Helferchen Stück für Stück wieder freigelegt, schon jetzt finden hier erste Musik- und Theater-Veranstaltungen statt. Und immerhin: Früher fanden hier 10.000 Zuschauer Platz! Also müssen nur noch die im Weg stehenden Überreste der Zitadelle und des Bahnhofs dran glauben, und schon können die Stones kommen. Nun denn: Mainz wird wieder römisch – und wir statten morgen der hiesigen Universität einen Besuch ab…

Tag 26) 11.07. Mainz

Mainzer Studenten schwänzen die Vorlesung.

Und was führte JaMbS & Wogs genau dorthin, wohin sie sich bei gesundem Menschenverstand sonst niemals freiwillig hinbegeben würden? Na klar, die Kunst! In Mainz sollte die Johannes-Gutenberg-Universität das nächste „Opfer“ ihrer Reihe künstlerischer Interventionen werden. Hierfür war eine ausgiebige Vorbesichtigung vonnöten, um sich ein Bild von der Größe und Anzahl der Vorlesungssäle auf dem Campus machen zu können. Fangen wir doch mal bei den Rotzlöffeln der Rechtswissenschaften an. Dieses versnobte Jura-Gesindel hatte offenkundig besseres zu tun als Paragraphenbücher zu wälzen oder Seminaren beizuwohnen, und verbrauchte lieber unnötig Sauerstoff in der fakultätseigenen Cafeteria. Im RW1, einem Vorlesungssaal von der Größe eines Auditorium Maximum, saß 1 Student. Unterrichtet von 1 Dozenten. Unmöglich sowas. Von den Nichtsnutzen der Kategorie Philosophicum und Wirtschaftswissenschaften gar nicht zu reden!
Nun, dafür war alles für die Aktion morgen vorbereitet, Megaphon, Zeitungen und OH-Folie, alles da. Nur ein Gegenstand bereitete uns am Abend große Sorgen, eines, das zu den allerwichtigsten, wenn nicht elementarsten Dingen dieser Tour gehörte und die Aktion gefährden sollte: das rechte Brillenglas von Wogs…

Tag 27) 12.07. Mainz

Während der Aktion "Bild(zeit)ung"

Also begann dieser Tag bei einem namhaften Optiker in der Stadthausstraße. In Rekordzeit zimmerte die Werkstatt ein Provisorium zurecht, mit dem Wogs wieder aktionsfähig war. Denn heute Mittag sollte unsere Aktion „Bild(Zeit)ung“ in den Hörsälen der Universität stattfinden. JaMbS hatte hierfür zuvor noch einen Zeitungskiosk halb leer gekauft. Die Aktion war ein voller Erfolg, was sich auch an dem Artikel ablesen ließ, den die Allgemeine Zeitung am folgenden Tag über uns schrieb. (Artikel zur Aktion in Mainz folgt)
Abends brachen wir ein zweites Mal nach Kiel auf, diesmal, um den zweiten Präsentationsabend abzuhalten…

Tag 28) 13.07. Kiel

Motorschaden auf der A7.

Freitag, der 13. Raststätte Hildesheim Förde. Milde Temperaturen, ein bisschen Sonnenschein und halbwegs erträgliche Frühstückbrötchen in der Cafeteria. Gutgelaunt starteten wir in den Tag, stiegen in den Tourbus und fuhren auf die A7, ca. 300 km vor Kiel, unserer nächsten Station. Ca. halb 12, kurz vor der Auffahrt auf die B1 nach Hildesheim: ein lauter dumpfer Schlag aus Motornähe durchbrach jäh die friedliche Atmosphäre. Der Wagen wurde zunehmend langsamer. JaMbS fuhr auf den rechten Standstreifen und stoppte den Bus. Viertel nach zwölf, ein Wagen des ADAC erschien. Nach kurzer Begutachtung folgte die erschütternde Diagnose: Motor verreckt. Das Aus für Tobi? Der Wagen wurde bis zur nächsten ADAC-Werkstatt in Hildesheim abgeschleppt und daraufhin auf einer Strasse in einem Vorort von Hildesheim abgestellt. Wir mieteten uns vom ADAC einen Toyota und räumten die gesamte Einrichtung in unser provisorisches Tourgefährt. Gegen 16 Uhr machten wir uns mit 180 km/h auf den Weg nach Kiel, um 19 Uhr trafen wir in der Galerie K34 ein. Nach dem Präsentationsabend sinnierten wir noch lange darüber, wie es nun mit der kr07 weitergehen sollte…

Tag 29) 14.07. Hamburg

Wie soll es jetzt weitergehen?

Aufgewacht sind wir heute in einem hübsch eingerichten VW-Bus in Kiel-Gaarden – kein schöner Stadtteil: Östlich der Förde, in der Nähe zum Industrie- und Werftenviertel, abgeschnitten von der eigentlichen Stadt im Westen brodelt hier ein Schmelztiegel für Junkies, integrationsunwillige Ausländer und Langzeitarbeitslose. Laute Discomusik aus dem Kaisereck Betrunkene und Penner prägen das hiesige Straßenbild. Da fuhren wir doch lieber nach Hamburg-Blankenese: In diesem idyllischen Villenviertel an der Elbe wohnt man gut und sicher. Schmale Straßen winden sich bergauf und bergab an den großzügigen Eingangsportalen entlang und verleihen in Verbindung mit den zahlreichen Treppen, welche offenbar nach den hier einst residierenden Familien benannt worden sind, dem Stadtteil ein beinahe südeuropäisches Flair. Nach einem kleinen Spaziergang entlang der Elbe pausierten wir eine Weile auf dem künstlichen Sandstrand und dachten darüber nach, wie wir die kommenden Tage meistern sollten. Wir hatten tagsüber mit der Mercedes-Niederlassung in Hildesheim, wo Tobi auf uns wartete, telefoniert. Am kommenden Montag wird er abgeholt und in der Werkstatt überprüft werden. Dann wird sich entscheiden, wie es weitergehen soll…

Tag 30) 15.07. Hamburg

Während der Aktion "Hanseschatz".

Obdachlos geworden und einer ungewissen Zukunft entgegensehend blieb uns dennoch keine Zeit zu verlieren, denn heute wollten wir die Aktion „Hanseschatz“ in Hamburg nachholen. Doch das war gar nicht so einfach: Um 11 uhr wollten wir von unserer Unterkunft aus mit dem Mietwagen losfahren, doch ausgerechnet unsere Straße war komplett gesperrt. „Kultursommer“ nennt sich dieser Unfug, für den die Stadt halb Wilhelmsburg eingezäunt hatte. Spätpupertäre Inline-Skater rollten die Fährstraße entlang; die Streckenposten ließen uns nicht raus. Geschlagene vier Stunden saßen wir fest, bis die Polizei endlich wieder die Straße freigab. Angespannt ließen wir uns von unserem Navigationssystem durch die Straßen leiten – und standen plötzlich vor einer heruntergelassenen Zollschranke. Wogs stieg aus, um die Zöllner zu bitten, die Schranke zu öffnen – doch da war niemand. Also versuchte er kurzerhand selbst das Tor zu öffnen. Schwupps, da standen die Zöllner hinter ihm. Kurzum: Wir fuhren einen Umweg und verfuhren uns noch ein paarmal, bis wir genervt an der Haltestelle Sandtörshöft ankamen, von wo die Aktion starten sollte… (Aktionsbericht folgt)

Tag 31) 16.07. Wiesbaden

Die Skyline von Frankfurt/Main.

Ausgehend von Hamburg teilten wir uns auf: JaMbS fuhr über Berkenthin (wo er unseren in Kiel vergessenen DVD-Player abholen wollte) und Hildesheim (um wichtige Unterlagen aus dem gestrandeten Tobi aufzulesen) weiter nach Berlin (um den Mietwagen gegen Nessi einzutauschen) und schließlich nach Wiesbaden. Insgesamt 1200 Kilometer in 24 Stunden. Wogs schlug sich mit Kamerafrau Sabine und Hessenticket über Offenbach/Main zu der hessischen Landeshauptstadt durch. Hier fanden wir gegen Mitternacht wieder zusammen.
Zwischendurch ereilte uns die bittere Nachricht aus Hildesheim: Tobi ist tot. Er starb an Kolbenfresser, aufgesetzten Ventilen und zerstörter Zugkette zwischen Motor und Getriebe. Alle Wiederbelebungsmaßnahmen von seiten der Mercedes-Werkstatt schlugen fehl. Helfen könnte ihm nur noch ein Motor-Spender. Doch für diese Motorgruppe gibt es nur wenige kompatible Fahrzeuge. Die Beerdigung findet vorraussichtlich in der letzten Septemberwoche statt. R.I.P., Tobi…

Tag 32) 17.07. Wiesbaden

Blick vom Bett in Richtung Decke.

Kein Blog für heute. Müssen mal Pause machen. Bleiben Sie dran, morgen geht´s weiter…

Tag 33) 18.07. Wiesbaden

Brunnen prägen das Stadtbild von Wiesbaden.

Auszug aus unserem ersten Radiointerview:

Moderator: Ihr redet von Tour, Kameramann und Manager; das hört sich ein bisschen an wie eine Musikgruppe, die auf Tournee ist. Habt ihr denn auch Anhänger?
JaMbS & Wogs: Ja, wir haben in Berlin, wo wir fünf Jahre gearbeitet haben und von wo wir ursprünglich herkommen, ca. 150 Leute, die zu unseren Präsentationsabenden kommen und gespannt den Blog auf unserer Homepage verfolgen. Und beispielsweise in Kiel gab es nach unserer Filmvorführung eine junge Frau, die sich zu unserem Groupie erklärte und uns am liebsten den Rest der Tour begleitet hätte; so etwas bleibt natürlich nicht aus.
Moderator: Gibt es eigentlich noch andere Künstler, die auf eurem Gebiet arbeiten? JaMbS & Wogs: Nach langer Recherche und vielen Gesprächen mit Künstlern muß man sagen, die Antwort ist ganz klar: nein. Es gibt niemanden, der so arbeitet wie wir und jeder, der nach uns kommt, kann nur ein Apologet sein.

Tag 34) 19.07. Wiesbaden

Das Kulturzentrum im ehemaligen Schlachthof.

Die Planungen für die nächste Aktion standen im Mittelpunkt des heutigen Tages in Wiesbaden. Dazu waren wieder einmal zahlreiche Besorgungen notwendig, wofür wir zwischen Mainz und Wiesbaden hin- und herpendelten. Die Einkaufsliste sah dann in etwa so aus: 1x weißer Pflegerkittel und Hose für JaMbS 35 €, 1x neue Klamotten (Schuhe + Hose) für Wogs 16,97 €, 1x Gefrierbeutel samt Verschlüsse 4,80 €, 1x Mullbinden 7,90 € und 3 Liter Schweineblut für sensationelle 1,50 € beim Rheingau-Metzger! Ort des Geschehens sollte die Dr.-Horst-Schmidt-Klinik werden, welche wir heute vorab besichtigten – ein typisch städtisches Krankenhaus im 60er Jahre-Stil und mit lieblos gestaltetem Dachgarten. Abends fanden wir übrigens mit dem Biergarten und Kulturzentrum des „Schlachthofs“ den einzigen Hinweis auf sowas wie Jugendkultur in der hessischen Landeshauptstadt…

Tag 35) 20.07. Wiesbaden

Während der Performance "Der letzte Patient".

Noch immer blieben viele Fragen auf unserer langen Reise offen, die wichtigste natürlich: Wer oder was ersetzt Tobi? Nach langen Diskussionen und einigen Telefonaten beschlossen wir, nächste Woche für ein oder zwei Tage nach Berlin zu fahren und den größten bzw. preiswertesten Gebrauchtwagenmarkt Deutschlands unter die Lupe zu nehmen. Da wir ab kommenden Freitag, wenn wir in München Halt machen würden, zu viert reisen, hatten wir nicht mehr viel Zeit bis zur Neuanschaffung. Und reichte überhaupt unser Budget für diese Investition?
Wie auch immer, zunächst stand unsere neueste Aktion „Der letzte Patient“ in der Dr-Horst-Schmidt-Klinik Wiesbaden auf der Tagesordnung. Um 15:30 Uhr erreichten wir den Parkplatz der Klinik, eine dreiviertel Stunde später startete die Performance. Diese verlief doch etwas anders, als wir erwartet hatten und Wogs wäre um Haaresbreite auf dem Operationstisch gelandet… (Aktionsbericht folgt)

Tag 36) 21.07. Wiesbaden

Unsere Unterkunft in der Adolfsallee.

Na, besser könnte doch ein neuer Tag kaum beginnen: Kaum schlägt man die Zeitung auf und schon fällt der erste Blick auf einen Artikel über sich. Der „Wiesbadener Kurier“ hat im Feuilleton über unsere gestrige Aktion berichtet und damit entsteht der Eindruck, dass sich gute Pressearbeit bezahlt machen kann, wenn man sie konsequent durchführt. Überhaupt sind wir der Ansicht, dass nach den letzten Tagen, die so derart mühsam und teilweise furchtbar pannenreich verliefen, nun bessere Zeiten kommen würden. Den Anfang haben wir heute gemacht: Wir gönnten uns einen freien Tag und besichtigten Mainz und Wiesbaden mal aus touristischer Sicht; ein bisschen schlendern durch die beiden Altstädte, die Einkaufsstrassen und über die zentralen Plätze der beiden Rhein-Main-Zentren. Okay, dass es genau dann anfing, in Strömen zu regnen, als wir unsere Unterkunft in Wiesbaden-Mitte verließen und Wogs seit kurzem ziemlich kränkelt, ist wirklich nur Zufall. Mit beharrlicher Zuversicht würden wir den kommenden Herausforderungen begegnen. Die nächste wartet übrigens morgen auf uns: Magdeburg…

Tag 37) 22.07. Magdeburg

Der imposante Dom von Magdeburg.

Optimismus machte sich im Team breit. Inzwischen war soviel schiefgegangen, dass wir alle der Überzeugung waren, die Talsohle durchschritten zu haben – „jetzt kommt das Spaßl;trimester“, verkündete Wogs frohgemut. Und tatsächlich strahlte die Sonne am heutigen Morgen auf die durch die gestrige Party teils ziemlich verkaterten Köpfe. Wogs ging es deutlich besser und gemeinsam bepackten wir unser Provisoriumsauto (Nessie, siehe Vortour) und machten uns auf den langen Weg nach Magdeburg. Die Autobahn war leer dank des Sonntagfahrverbots für LKW. Um 19:34 Uhr erreichten wir den Parkplatz nahe der Sternstrasse in der Magdeburger Innenstadt. „Wo ist eigentlich mein Rucksack?“ fragte Wogs, als wir ausstiegen. Schlagartig war uns klar, dass ein weiteres Desaster auf uns gewartet hatte: Der Rucksack mit Notebook, den Original-Videobändern von zwei Aktionen, Bankunterlagen und mehr war uns in Wiesbaden geklaut worden, offensichtlich während(!) wir das Auto bepackt hatten. Noch am gleichen Abend folgte die nächste Krisensitzung. Wie lange konnte das noch so weitergehen…

Tag 38) 23.07. Magdeburg

Das Hundertwasser-Haus.

Morgens in Magdeburg: ohne Bus, ohne Notebook, ohne Internet, ohne EC-Karte, ohne Diensthandy, ohne Kamerabänder, ohne Zahnbürste, ohne Praktikanten, kurz: ohne Hoffnung. Das war nicht viel, was wir noch hatten. Am 38. Tag der kulturrevolution2007 war nun endgültig der Tiefpunkt erreicht. Um Schadensbegrenzung bemüht, reisten wir nach Burg in der Nähe Magdeburgs, um einen Gebrauchtwagenhändler ausfindig zu machen. Doch selbst der preiswerteste Bus (gebraucht!) kostete soviel wie unser Gesamtbudget unserer Tour betrug. Da blieb uns nur noch die Fahrt nach Berlin. Dort angekommen, machte sich JaMbS im Internet auf die Suche nach einem Ersatz für Tobi und Wogs in den Kaufhäusern nach einem Ersatz für die UMTS-Karte, welche uns auf der Reise den Zugang ins Internet ermöglichte. Ohne Erfolg. Ein Fluch schien auf dieser Tour zu liegen, anders konnten wir uns die Situation nicht erklären. Am selben Tag standen wir übrigens auch ohne Magdeburger Performance da: das wichtigste Requisit, ein Cadillac-Leichenwagen, wurde wegen eines Unfalls im Rahmen einer vorherigen Vermietung kurzfristig storniert…

Tag 39/40) 24.07. / 25.07. Berlin

Nachdem wir noch weitere Autohäuser in und um Berlin aufgesucht hatten, sowie uns mehre Wohnmobile und Kleinbusse von Privatverkäufern angeschaut hatten, zogen wir die niederschmetternde Bilanz: Wir hatten weder genug Geld noch Zeit, um einen Ersatz-Tourbus zu beschaffen und für unsere Zwecke herzurichten.

Tag 41) 26.07. Berlin

Navigationssystem: "Sie sind an Ihrem Ziel angekommen."

Am Tag 41 haben wir die kr07 vorzeitig beendet. – JaMbS & Wogs

Die einzig revolutionäre Kraft ist die Kraft der menschlichen Kreativität.
Die einzig revolutionäre Kraft ist die Kunst. – Joseph Beuys

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